Mittwoch, 18. Juli 2012

Ankunft in Earls Cove

Achtung! Adressänderung! Bitte dringend beachten, dass sich meine Haus Nr. geändert hat. Dies bitte bei Briefen etc. berücksichtigen! Die richtige Adresse steht rechts.

Ankunft in Vancouver

Die Ankunft in Vancouver verlief insgesamt sehr entspannt. Ich war so froh endlich aus dem Flieger raus zu kommen, das hatte gleich mehrere Gründe: Zum einen saß ich ganz außen am Fenster, hatte daher das Glück viel sehen zu können, leider saß auf dem Sitz zum Gang irgend so ein Pakistani der die ganze Zeit nur geschlafen hat und in der Mitte ein griesgrämiger älterer Mann, ich schätze mal Arzt oder Professor, da er die ganze Zeit nur Neurobiologietexte und Forschungsberichte über Alzheimer gelesen hat. Auf jeden Fall war dieser weder gesprächig noch sonst irgendwie von witzigem Antlitz. Auf Grund dieser 2 Persönlichkeiten habe ich es vorgezogen während des ganzen Fluges nicht aufzustehen. Des weiteren bin ich glaub ich selten mit so einem versifften Flieger geflogen. Die 747 kann noch nicht soo alt gewesen sein, trotzdem war an der Lüftung schon Zentimeterdick Staub oder Schimmel, die Fenster von irgendwelchen Vornasen fettig und das weiße Plastik eher Fingerpatschig-braun. Legga!

Daher also große Freude in Vancouver wieder festen Boden unter den Füßen gehabt zu haben. Der Grenzofficer wollte dieses mal ziemlich genau wissen was ich denn in Kanada vorhabe, ob ich genug Geld und ein Rückflugticket habe. Scheinbar war ich überzeugend genug auf jeden Fall hab ich dann so 'n Stempel bekommen auf dem eigentlich nix draufsteht. Ich gehe mal davon aus das das reicht für die nächsten Monate.

Mit neu gebautem Sky Train ging es dann in die Stadt. Das ist sowas wie eine Magnet-Staßen-U-Bahn, nur ohne Magnet und das sie nicht auf Straßen fährt. Ok vielleicht mehr eine S-Bahn, oder S-U-Bahn. Wie auch immer, die letzten Meter die mitm Bus ging es zum Hostel. Wie Videotechnisch am gleichen Abend noch verkündet war mir das Bett bereits gut bekannt, zu meiner größten Freude war dieses mal kein spielsüchtiger Obdachloser im Bett unter mir (wer die Story nicht kennt, bitte mal nach dem 1. Eintrag aus Kanada im Februar 2008 gucken!)

Am Sonntag war ich Jetlag sei Dank schon um 05:30 Uhr wach. Das Wetter war ziemlich bescheiden. Es hat den ganzen Tag geregnet und gewittert. Später wurde es dann ein bisschen besser. Ich bin dann zum Granville Island Public Market gegangen, später dann noch durch Downtown und hab den Tag dann so ganz gut rumbekommen. Später war noch eine ganze Menge los in der Stadt, mit Musik und Straßenkünstlern, das machen die wohl im Sommer jedes Wochenende. Ich hab viel gefilmt und auch wieder ein kleines Interview mit mir selbst gemacht. Warum ihr das an dieser Stelle nicht sehen könnt, dazu später mehr.

Soo am Montag sollte es dann weitergehen, bzw. ging es auch. Der Plan sah ja vor erst eine kanadische SIM-Karte zu besorgen und sich dann langsam auf den Weg zur Fähre zu machen. Das mit der SIM Karte ist ziemlich schnell gestorben. Kanada ist was Handytarife angeht echt noch Entwicklungsland! Die Kosten für Prepaid sind exorbitant unverschämt hoch. Erstmal 60€ Aktivierungsgebühr, dann 0,36€ Minutenpreis (für innerhalb Kanadas!) von SMS und Ausland ganz zu schweigen. Ausserdem mindstens 18€ Umsatz im Monat. Nein danke! Dafür kann ich ja besser stundenlang über das deutsche Handy nach Hause telefonieren.

Mit der Fähre ging es dann hoch nach Langdale. Ich hab wieder viel gefilmt, warum ihr das an dieser Stelle nicht sehen könnt, dazu später mehr. Janet hat mich dann abgeholt, das hat alles gut geklappt. Janet ist schon mehr eine Person von witzigem Antlitz. Sie ist ziemlich klein und ääh, kompakt. Dafür redet sie sehr gerne und ist insgesamt eine Mischung aus ziemlich gemütlich und etwas hibbelig. Nach diversen Einkaufsstops auf dem Weg nach Earls Cove habe ich dann hier auch John kennengelernt. John ist ein bisschen das Gegenteil von Janet, ok groß ist er auch nicht, aber dafür redet er wesentlich weniger. Trotzdem ein ganz netter Kerl soweit ich das einschätzen kann. Beide kümmern sich wirklich sehr nett um mich und fragen immer ob alles ok ist und sind insgesamt sehr zuvorkommend.

Ankommen in Earls Cove

Earls Cove ist glaube ich das Bielefeld Kanadas. Es gibt diesen Ort nämlich gar nicht. Nicht das es einfach nur ein kleiner Ort ist, nein es ist kein Ort. Warum hat man 10 Häusern einen Namen gegeben? Warum steht auf Karten überhaupt irgendwas, und warum hat man es nicht einfach weggelassen? Dieser nicht-Ort ist eine Ansammlung von überwiegend Wochenendhäusern, mitten im Nichts. Ich glaube noch hinter dem Nichts. Man wundert sich von Zeit zu Zeit das noch Autos vorbei kommen die mit der Fähre noch weiter ins Nichts wollen. Dies ist glaube ich das Ende der Zivilisation und damit kommen wir nun zum nicht so schönen Teil der Geschichte.

Man mag von hin und wieder das Gefühl haben, mal raus zu müssen. Irgendwo, ins Nichts. Ich hatte dieses Bedürfnis nicht so dringend, trotzdem habe ich jetzt das zweifelhafte Vergnügen. Es ist sowas von abgeschieden Einsam hier. Das für mich zur Zeit unangenehmste ist aber das Abgehängt sein von der restlichen Welt da draußen. Ich hab Isa versprochen, mich wo es geht mich wirklich häufig zu melden, und auch mal zu skypen und notfalls halt SMSen zu verschicken. Nichts von alledem wird wahrscheinlich möglich sein. Es gibt hier oben kein Handy Netz. Weder hier, noch bei meiner Arbeit. Dass es so krass ist habe ich nicht erwartet, ich dachte wenigstens am Center (Iris Griffith Nature Reserve bla bla bla Center, meine Arbeitsstätte) gibt es Handynetz und auch Internet. Da sind wir beim nächsten Problem: Meine einzige potenzielle Internetquelle ist zur Zeit der Webstick von Johns Arbeits-Laptop. John ist natürlich nur abends hier und ich will ihm nicht aufn Sack gehen wegen Internet, außerdem ist der Zugang so langsam, das außer ein bisschen Text in den Blog zu laden, ich wohl weder Fotos, geschweige denn Videos hochladen kann. Das grenzt meine World Wide Web Möglichkeiten extrem ein. Am Center gibt es wohl theoretisch auch einen Internet Zugang, der ist aber noch langsamer, so dass sich die meisten Websites gar nicht erst öffnen lassen.

Kurz um ich sitze total auf dem Trockenen hier und das macht mich ein bissen traurig, grade wegen ein paar Menschen mit denen ein regelmäßiger Austausch wirklich ganz schön wäre. Ich hoffe das sich ein paar Dinge noch irgendwie regeln lassen aber im Moment weiß ich noch nicht wie das diesbezüglich weiter geht.

Meine Hütte ist alles in allem wirklich ganz nett, relativ groß und auch einigermaßen gut ausgestattet. Ich komme mir ein bisschen vor wie in den 70ern, weil hier alles mit Liebe zum Detail originalgetreu wieder hergerichtet ist... Moment, vielleicht hat sich hier auch einfach seit 40 Jahren nichts verändert? Ich lade irgendwann mal ein Foto vom dem Herd hier hoch, da dürften bei der Generation 50+ Kindheitserinnerungen wach werden! Das Dingen muss so unglaublich viel Strom fressen! Die Armaturen sehen aus wie in nem Oldtimer und bei der Bedienung hat man das Gefühl eine wirklich große Maschine zu bedienen! Ihr müsstet das mal alles sehen hier, man weiß nicht ob man erschrocken wie alt, begeistert weil so alt oder verblüfft das man sowas heutzutage noch findet sein soll.

Das Center

Ich hatte heute meinen ersten Arbeitstag. Janet hat mich hingefahren, John später wieder abgeholt. Das Center ist so ca. 6km von hier entfernt. Die Straßen gehen rauf und runter, sind sehr kurvig und warum ich das erzähle, dazu später wieder mehr. Hab ich bereits erwähnt, das dieser Blogeintrag etwas länger wird? Keine Sorge, dafür wird es auch nicht ganz so viele Einträge geben. Im Center warteten schon die 4 anderen Summer Students, 3 Mädels und ein Kerl, alle so um die 20-22 Jahre schätze ich mal. Die 4 sind alle ganz nett, soweit man das nach einem Tag schon sagen kann.

Das Center liegt etwas abseits entlang des Highways, an einem der vielen Seen und ist ungefähr so groß wie ein Einfamilienhaus. Was ich die nächsten Monate dort tun werde, das ist mir heute noch absolut nicht klar geworden. Na klar es war der erste Tag, aber nicht nur ich, sondern auch die anderen haben regelrecht nach Arbeit oder einer Beschäftigung gesucht. Wir haben dann erst ein bisschen Pflanzen zurück geschnitten, dann ein paar Aquarien sauber gemacht, die Fische und Lurche gefüttert, die Kinderbespaßung für morgen geplant und sind zum Schluss noch ne Runde mit nem Kanu über den Sumpf da gepaddelt. Hoffentlich finde ich Gefallen an diesen Sachen, denn das wird mich die nächsten Monate beschäftigen.

Noch hab ich ein bisschen die Hoffnung, dass ich all das nur aufgrund meiner spießigen deutschen Einstellung so kritisch sehe und mich erst mal wieder an den kanadischen layed-back-Lifestyle gewöhnen muss. Das ging vor ein paar Jahren auch nicht von jetzt auf gleich, dafür hat man dann später in Deutschland auch ne gewisse Zeitlang auch große Vorteile. Es ist definitiv immer noch ein bisschen ein Kulturschock, auch wenn ich wusste was mich erwartet und diesbezüglich auch nichts anderes eingetroffen ist.

Mit ein paar Sachen habe ich aktuell noch zu kämpfen, das sind zum einen wie schon erwähnt die Abgeschiedenheit und die Nichtmöglichkeit sich mit vertrauten Menschen zu unterhalten. Dann ist das Leben hier einfach wahnsinnig teuer, ich hab für 2 Einkaufstüten mit Grundnahrungsmitteln fast 80€ ausgegeben (nur mal als Beispiel: Nutella 7,50€, 150g Käse 5€) und von dem allen werd ich nicht länger als ein paar Tage satt. Dann ist Transport aktuell noch ein schwieriges Thema. Hier oben fahren keine Busse. Bis zum Supermarkt sind es 25km. Ich weiß noch nicht wie ich demnächst zum Center und zurück kommen soll, da mich Janet und John natürlich nicht immer fahren können. Evtl. kann ich vielleicht ein Fahrrad bekommen, das ist jedoch aufgrund der Entfernung und der Straßen (rauf, runter, noch steiler rauf, wieder runter) schon fast an der Grenze des Machbaren. Ich hoffe diese Sachen werden sich in den nächsten Tagen und Wochen irgendwie ergeben und dann wird alles halb so wild. Ich schwanke zur Zeit immer zwischen Euphorie und vorsichtiger Zurückhaltung wie man vielleicht merkt.

Achso, eine ganz wichtige Sache noch. Meine Adresse ist 5462 Jervis Inlet Road! Nicht 5466, das steht zwar auf der Hütte hier drauf, allerdings gibt es hier keinen Postkasten. Als wichtig, bitte wenn, dann an die 5462 schicken.

Ok, ich weiß noch nicht wann ich das nächste mal was von mir hören lassen kann. Deswegen bitte nicht wundern, wenn es mal etwas länger dauert. SMSen kann ich vorraussichtlich auch erst demnächst wieder beantworten.

4 Kommentare:

dad hat gesagt…

Oh, Tino, das tut mir wirklich Leid für dich. So abgeschieden zu sein in der Fremde, das ist echt besch..... Und jetzt müssen wir auch noch auf deinen interessanten Blog (Fotos & Videos) verzichten! Das ist ja gleich ein ganzes Bündel an Problemen: nicht mobil, kein Netz, alles teuer, unklare Aufgaben, abgeschieden ... Ich hoffe, dass sich doch noch Lösungen finden. So viel Canadian laid-back feeling kann man ja gar nicht aufbringen! Ich drück dir die Daumen, dass alles gut wird. Alles Liebe. Ich denke an dich. Papa

Anonym hat gesagt…

... und jetzt noch was von Mama... nee ich mach das anders...Brief ist unterwegs! So ging das eben in den 50ern! :-)
Du wirst schon noch was Positives entdecken, da bin ich mir sicher!
Bis BALD!!!!!!

Petra die Mutter hat gesagt…

Äh, ich hatte doch auf Name geklickt...na ja, also ich bin's :-)

little sister hat gesagt…

Hey mein kleiner großer Bruder,

um das Familienalbum komplett zu machen:

Das hört sich aber doch alles in allem ganz gut an :-) 'Back to the Roots' für so Naturburschen/mädels wie uns doch garkein Problem! Genieß die Ruhe, vermeide den Konsum und schwing dich aufs Fahrrad ;-)

Ich würde jetzt nur zu gern am Ende der Welt ein bisschen frische Luft schnappen, Sport machen und übern Sumpf paddeln, du kommst schon wieder auf den Geschmack!

Liebste Grüße!